Zukunftswerkstatt Kita 2030 der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege im Land Sachsen-Anhalt
„Software tadellos, Hardware lückenhaft.“ – ein Erlebnisbericht
Magdeburg. (N.A.)
Gleich vier Grußworte – das kann dem schwungvollen Beginn so mancher Veranstaltung den Stecker ziehen. Nicht so bei der „Zukunftswerkstatt Kita 2030“, zu der die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege im Land Sachsen-Anhalt Anfang Mai 2026 einlud. Denn alle zum Grußwort Gebetenen stiegen derart ins Thema ein, dass rund 100 Gästen erstens nicht langweilig wurde und ihnen zweitens der Diskussionsstoff für die kommenden Stunden kaum ausging.
Die Lage ist aber auch verzwickt: Noch im Spätsommer 2024 auf dem Magdeburger Domplatz zur Demo getroffen, um für „ein Viertel mehr Personal“ das Wort zu erheben, änderte sich nur wenige Monate später die Kita-Agenda. Keine prall gefüllten Wartelisten mehr, freie Plätze, wo lange Andrang herrschte, gar erste Schließungen. Seit nun über einem Jahr ist klar: Im Osten Deutschlands muss für die Kita-Zukunft kräftig geklappert werden, damit alle miteinander – also Träger, Verwaltungen, Verbände, Politik – die Landschaft wetterfest machen.
Für die Debatte dazu bot die „Zukunftswerkstatt Kita 2030“ den besten Rahmen. Was, wie bereits erwähnt, mit den Grußworten begann: Steffi Schünemann, Vorständin beim AWO Landesverband Sachsen-Anhalt (und zugleich Teil des LIGA-Vorstandes), führte ein, verband geschickt die aktuelle Situation mit grundsätzlichen Überlegungen und sorgte so für ein gemeinsames Verständnis der Kita-Arbeit im Bundesland, der die Veranstaltung prägte.
„Steil nach unten“
Angelika Bruns vertrat als aktuelle Abteilungsleiterin im sachsen-anhaltischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung ihre verhinderte Ministerin, Sie hatte hier noch einmal insbesondere auf das Finanzprogramm „Kita STABIL“ hingewiesen. Das Unterstützungsprogramm des Landes Sachsen-Anhalt wurde im Januar im Landtag einstimmig beschlossen und mit über 26,6 Millionen € ausgestattet.
„Schön und gut“ meinte man darauf hin Christian Deckert zu hören, der als Leiter des Jugendamtes der Stadt Dessau-Roßlau die kommunale Stimme vertrat, aber die zuweilen bittere Realität von bereits geschehenen und weiter bevorstehenden Schließungen dem Auditorium vor Augen führte, mit den damit einhergehenden Schmerzen, bei allen Beteiligten. Bernd Mitsch schließlich – er leitet seit rund anderthalb Jahrzehnten die Kita Abendteuerland der Borghardt Stiftung in Stendal – konnte dem Millionen-Segen des Landes ebenfalls nicht allzu viel abgewinnen, Schließungen bleiben wohl unausweichlich, die Stimmung vor Ort sei trist.
Es lag an Dr. Sophie Koch – angereist aus Berlin, aus den Reihen des dortigen Bundesverbandes der Volkssolidarität und somit intime Kennerin der ostdeutschen Landschaft –, die Dinge in einen großen Bogen zu spannen. Geburtenzahlen und Kitaauslastungen wurden zu einprägsamen Kurvendiagrammen („steil nach unten“). Personal wird weniger, jüngeres findet kaum Zugänge. Vor Ort beginnen „Verteilungskämpfe“ um die (noch) vorhandenen Kinder. Schrumpfungsschmerzen breiten sich aus. Skepsis ebenso, denn ob die Bundesländer wirklich einmal an der „Fachkraft-Kind-Schlüssel-Schraube“ drehen, um so eine wirkliche Fundamentänderung vorzunehmen – großes Fragezeichen. Doch trotz allem – auch die Volkssolidarität und ihre Teamleiterin Sozialpolitik können dem Motto „Es kommen auch wieder andere Zeiten“ einiges abtrotzen, doch bis dahin heißt es: durchhalten und kreative Wege gehen.
Schwerer Stand
Dem widmete sich – ohne jede Pause und längst den gesetzten Zeitrahmen gesprengt, aber allen Gästen lag zu viel auf der Seele – eine anschließende „moderierte Dialogrunde mit Expert:innen“ (so die LIGA-Ankündigung). Marita Leyh von der Diakonie in Thüringen konnte zum einen von einer noch prekäreren Kita-Lage berichten und sprach zum anderen vielen Zuhörenden aus dem Herzen, als sie mit Blick auf die für Kitas so wichtige und zentrale Botschaft formulierte: „Es gibt nur eine Kindheit“, für deren Qualität gilt es alles zu tun.
Mit Susanna Erbring, bei der Caritas im Bistum Magdeburg Fachfrau für alle Kita-Themen und zugleich vom LIGA-Fachausschuss „Kinder- und Jugendhilfe“ entsandt, kamen die Dinge zurück nach Sachsen-Anhalt, gepaart mit dem „Blick nach vorn“ – wozu ein Lob für das vom Land geschaffene Programmwesen gehörte („inhaltlich wunderbar“), gibt es doch neben Kita STABIL auch das Förderprogramm „Empowerment für Eltern“, worauf Angelika Bruns aus dem zuständigen Ministerium ebenfalls verwies . Noch einmal Susanna Erbring: „Wir haben jetzt eine gute Software – bei der Hardware hapert es noch. Und damit ist die zentrale Ressource Personal gemeint. Mit Vertröstungen und Absichtserklärungen bauen wir für Menschen, die Lebens- und Berufswege planen wollen und müssen, keine verlässlichen Brücken.“
Das Morgen
Nach all dem Input durch die versammelte Expertenschar hieß es am Nachmittag: Workshop-Time. Auch in diesem Block blieb das Programm ehrgeizig, gleich fünf Workshops wurden eingerichtet und gingen u. a. einer „Bedarfsplanung für die Ansprüche von morgen“ auf die Spur, dachten über „gewinnbringenden Nutzen freiwerdender Räume“ nach, blieben im Morgen und fragten sich, was Kinder und Familien dann brauchen (oder auch die Fachkräfte), und wollten wissen, wie sieht die beste fachliche Beratung für die Kita der Zukunft aus. Eine nicht minder dichte Agenda, bestens genutzt für Dialog und Austausch. Eine Lage die nun vor allen Akteuren in den nächsten Wochen und Monates beherztes Eintreten für die Kita-Sache benötigt.
Foto Akteure LIGA-Zukunftswerkstatt Kita 2030 – BU: Sie machten die Zukunftswerkstatt Kita 2030 der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege im Land Sachsen-Anhalt zum Debattenforum (v.l.n.r.): Susanna Erbring (Die Caritas im Bistum Magdeburg), Nancy Wellenreich (Diakonie Mitteldeutschland), Christian Deckert (Jugendamt Stadt Dessau-Roßlau), Angelika Bruns (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt), Marita Leyh (Diakonie Thüringen), Dr. Sophie Koch (Bundesverband Volkssolidarität), Bernd Mitsch (KITA Abendteuerland Stendal), Nicole Anger (Der Paritätische Sachsen-Anhalt), Michael Schmelzer (Die Caritas im Bistum Magdeburg), Steffi Schünemann (AWO Landesverband Sachsen-Anhalt)




