30 Jahre Parität: „Der Wille fehlt soziale Herausforderungen im ländlichen Raum zu erkennen.“

Regionalstelle Nord

09.06.2020

Seit der Gründung des Paritätischen Sachsen-Anhalt 1990 ist Bernd Zürcher, Leiter der Regionalstelle Nord, für den Landesverband tätig. Wir sprachen mit ihm anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Landesverbandes über den Verband und künftige Herausforderungen.

Herr Zürcher, sie kennen den Paritätischen als Mitarbeiter der ersten Stunde, wenn sie 30 Jahre zurückschauen, was haben Sie zuerst angepackt, was waren die größten Hürden, Lichtblicke?
Im Februar 1990 hatte ich die ersten Kontakte zu einem Vertreter des Paritätischen Landesverbands Niedersachsen und habe dann die Gründung unseres Verbands in Sachsen-Anhalt im August organisatorisch mit vorbereitet und umgesetzt. Begeistert und überzeugt haben mich von Anfang an die Grundprinzipien der Parität - Vielfalt, Offenheit und Toleranz. Im Rückblick muss ich sagen, war die Aufbauzeit geprägt von einer großen Aufbruchstimmung. Vertreter von Verwaltung, Politik und auch der gewonnenen Mitgliedsorganisationen hatten, aus meiner Sicht, ein gemeinsames Ziel - neue Strukturen zu entwickeln und zu gestalten, die den Menschen in ihren jeweiligen sozialen Lagen Hilfen bieten. Die Entwicklung der Gesellschaft mit dem Ausbau von Konkurrenzen, der ausufernden Bürokratie, lassen leider viele gemeinnützige Organisationen und Vereine, auch in unserem Verband, nur noch zu „Kämpfern in eigener Sache“ werden.

Was ist aus Ihrer Sicht typisch für den Paritätischen Sachsen-Anhalt?
Der Paritätische ist mit seiner Arbeit sehr nah an den sozialen Entwicklungen und auftretenden Problemen dran. So wurden Themen wie „Demografischer Wandel“ und „Kinderarmut“ sehr frühzeitig aufgegriffen und der Finger in die Wunde gelegt. Zudem schätze ich das Engagement von Mitarbeitern, Ehrenamtlichen und Freiwilligen in „kleinen“ Mitgliedsorganisationen unseres Verbandes. Teilweise werden die Ziele der Vereine bis zur „Selbstausbeutung“ verfolgt, weil sich die Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeiten kontinuierlich verschlechtern. „Projektitis“, Abrechnungswahn, überbordende Bürokratie, die aufzubringenden Eigenanteile für die gesellschaftlich notwendigen Angebote erschweren die Arbeit extrem und können dazu führen, dass diese wichtigen und für den sozialen Raum notwendigen Angebote wegbrechen.

Mit Blick auf die Tätigkeit als Regionalleiter im Norden Sachsen – Anhalts ist Ihr Motto: „Altmark first“, weshalb liegt ihnen so viel an dieser Region?
Natürlich ist dies eine ironische Aussage. Mir liegt der ländliche Raum sehr am Herzen. Bundes- und Landespolitik wird in den großen Zentren gemacht und es gibt meines Erachtens nicht den Willen (zu wenige Wähler in diesen Regionen!?) die Probleme im sozialen Bereich auf dem Land zu erkennen. Als Beweis steht aktuell hierfür der Vorschlag von Bildungsminister Tullner die Mindestschülerzahl in Gemeinschaftsschulen von 240 auf 300 anzuheben, ohne die Folgen für den ländlichen Raum zu berücksichtigen und zu bedenken.

Sie feiern in diesem Jahr 30jähriges Firmenjubiläum und verabschieden sich dann in den (Un-) Ruhestand, was geben Sie der künftigen Regionalleiterin für Empfehlungen mit auf den Weg?
Meine wichtigste Erfahrung in den 20 Jahren hauptamtlicher und 10 Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit ist: Ziele sind in den Regionen nur zu erreichen, wenn man die Aufgaben gemeinsam mit Vertretern der Gesellschaft, den Mitgliedsorganisationen, Wohlfahrtsverbänden, Wirtschaft, Politik und Verwaltung angeht. Dies wird zwar immer schwieriger, da die Gesellschaft zurzeit immer weiter auseinanderdriftet, ist damit aber nötiger denn je! Egal welche Herausforderung zu bewältigen ist, der Menschen in seiner jeweiligen sozialen Problemlage sollte immer im Mittelpunkt stehen.

Welche „Erinnerungsstücke“, Projekte hinterlassen Sie in der Region?
Den landesweiten Wettbewerb „re-flect“, der seit 12 Jahren mit zahlreichen regionalen Akteure organisiert und durchgeführt wird, hinterlasse ich mit dem Wunsch, dass dieser weiterhin gesellschaftliche Lebenslagen und soziale Herausforderungen „reflektiert“ und an die breite Öffentlichkeit transportiert.

Das Interview führte Anja Wernecke