Kinderschutz braucht Kinderschützer*innen

30.05.2018

Am 14. Mai 2018 ist die Studie „Berufliche Realitäten im ASD: die Herausforderung sozialpädagogischer Arbeit heute" durch die Hochschule Koblenz vorgestellt wurden.

Diese Studie zum Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) zeigt auf, wie die Arbeitssituation in den Jugendämtern sich auf Kindeswohl und Kinderschutz auswirkt bzw. durch welche Rahmenbedingungen Zielgenauigkeit von Hilfen erschwert wird. Familien beraten und unterstützen, Kinder schützen – das sind die Aufgaben des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Der Paritätische unterstützt die Forderungen der Studie der Hochschule Koblenz zum ASD. Die Studie benennt vor allem vier Schwerpunkte, die die Wirkungen des ASD beeinflussen:

  • fehlende angemessene Zeiten,
  • inadäquate Räumlichkeiten,
  • Hilfen nach Kassenlage
  • und desolate Personalsituation.

Dies spiegelt genau die Situation wider, wie auch der Paritätische derzeit die Arbeitssituation des ASD beurteilt.
Für eine nachhaltig wirkende Hilfe ist Zeit unerlässlich. Die Mitarbeitenden des ASD brauchen Zeit für die Familien, sie brauchen Zeit für individuelle Gespräche, um Hilfen aufzuzeigen und gleichzeitig die beteiligten Familien angemessen einzubeziehen. Daher geben beispielsweise Richtlinien vor, dass je Vollzeitfachkraft maximal 35 Fälle betreut werden können. In der Realität sind das aber meist deutlich mehr, bis zu 100 Fällen. Konkret heißt das, dass hier mitunter Entscheidungen vom Schreibtisch aus getroffen werden müssen, dass es an Vorbereitungszeiten für Hilfeplangespräche mangelt, dass Beteiligte in die Hilfen nur schlecht eingebunden werden können. Die Mitarbeitenden im ASD sind überlastet. Gleichzeitig steigt der Aufwand für die Dokumentation und Verwaltungsaufgaben. Berichte müssen verfasst werden, Mitarbeitende sind gehalten, sich rechtlich je Fall abzusichern durch umfängliche Dokumentationen. Schreibarbeit steht mit zwei Drittel der Arbeitszeit nicht mehr im Verhältnis zu der eigentlich und wichtigen Kontaktarbeit mit den Familien vor Ort. Darüber hinaus werden in der Studie die räumlichen Rahmenbedingungen als dringend zu verändern benannt. Oftmals sitzen drei und auch mehr Mitarbeitende des ASD in einem Raum; sie schreiben, telefonieren mit Familien, Ämtern, Einrichtungen der Jugendhilfe und führen Gespräche mit Betroffenen gleichzeitig. Fehlende Besprechungsräume verwehren Familien vertrauensvolle Atmosphären für Einzelgespräche. Sozialarbeit ist Beziehungsarbeit, die auf Vertrauen beruht. Diese Settings mögen auch dazu beitragen, dass im Bereich des ASD eine hohe Personalfluktuation und ein hoher Krankenstand zu verzeichnen ist. Es fehlt an Kontinuität in den Arbeitsprozessen, aufgrund der zeitlichen Verdichtung können neue Kolleg*innen nicht angemessen eingearbeitet werden. Die Arbeit im ASD erfordert hohe soziale Kompetenzen und beruht auf Beziehungsarbeit. Hier braucht es für die Familien insbesondere Stabilität und Zuverlässigkeit, und für die Mitarbeitenden braucht es auch Fortbildungen und Supervisionen. Rahmenbedingungen wie diese würden die Fachkräfte entlasten. Aber zur Entlastung tragen auch die finanziellen Ausstattungen bei. „Jugendhilfe nach Kassenlage“ ist noch immer in einigen Kommunen das Motto. Bedingt durch finanzielle Mittel im eigenen Haushalt wird gespart, wo es nur machbar scheint. Da werden in der Praxis eben den Familien weniger Stunden im Rahmen des Hilfen durch den ASD gewährt, als sie eigentlich brauchen würden. In der Hoffnung, dass es schon gut gehen werde….   

Auch der Paritätische Sachsen-Anhalt und seine Mitglieder im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe erleben die Realitäten im ASD wie in der Studie dargestellt. Die Hochschule Koblenz gibt hier sehr klar und differenziert wieder, was wir in der täglichen Arbeit erfahren. Der ASD ebenso wie die Jugendämter selbst sind für uns wichtige Partner auf Augenhöhe. Gemeinsam arbeiten wir an den sozialen Zielen und möchten für alle Familien durch adäquate Hilfen Lebensbedingungen schaffen, die gleichzeitig das Kindeswohl bewahren. Die Studie bietet einen wichtigen Ausgangspunkt um gemeinsam über die Arbeitsfähigkeit aber auch über die Arbeitsbelastung des ASD ins Gespräch zu kommen. Aber nicht allein die Träger und Jugendämter sind aufgerufen, hier Verantwortung zu übernehmen. Auch die Bundesregierung kann hier wirksam werden. Bezugnehmend auf deren Koalitionsvertrag gilt es das SGB VIII entsprechend zu novellieren – vor allem unter Einbindung der Fachverbände und derer Strukturen. Diese Novelle darf nicht allein eine Debatte der Fachpolitiker*innen sein.
Der Paritätische wird die Studie zum Anlass nehmen, sich mit den Jugendämtern gemeinsam für eine angemessene Ausstattung einzusetzen. Denn wenn vor Ort der ASD gut arbeiten kann, dann zeigen die Hilfen auch die entsprechenden Wirkungen für Kinder und ihre Familien. Dazu braucht es eben vor allem Rückhalt durch Strukturen.


Pressemappe und ausgewählte Ergebnisse der Studie zu den Arbeitsrealitäten in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter: www.kindervertreter.de

Nicole Anger

Referentin Frühkindliche Bildung und Jugendhilfe

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