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Tagungsbericht "Regionale Bildungslandschaften entwickeln und soziale Teilhabe verbessern!" vom 21.11.2013

Regionale/ Kommunale Bildungslandschaften entwickeln, zielgerichtete Konzepte in den verschiedenen Übergängen der Bildungsinstitutionen aufbauen, Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Schule anstreben usw., das sind Forderungen, die insbesondere in von soziodemografischen Verwerfungen geprägten Regionen artikuliert werden. Doch wie sieht die Praxis hierzu aus. Gerade in den ostdeutschen Bundesländern, die massive Veränderungen im Rahmen des Fachkräftebedarfs zu verzeichnen haben, ergeben sich Handlungsbedarfe, um soziale und berufliche Teilhabe für benachteiligte junge Menschen und Familien ermöglichen zu können.

Tagung Regionale Bildungslandschaften

Katrin Skirlo (Referat Jugend und berufliche Bildung, DGB Sachsen-Anhalt) hat deutlich skizziert, dass augenscheinlich eine entspannte Situation für die Bewerberinnen und Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt in Sachsen-Anhalt anzutreffen ist (Bewerberzahlen und Ausbildungsplätze fast identisch). Bei genauer Betrachtung der Sachlage wird ersichtlich, dass aber insbesondere benachteiligte Jugendliche weiterhin nicht vom augenscheinlichen Fachkräftebedarf profitieren. Wenn diese Zielgruppe im Rahmen der beruflichen Orientierung und späteren Dualen Ausbildung erreicht und erfolgreich etabliert werden soll, sind Konzepte und Herangehensweisen analog „Assistierter Ausbildung“ z.B. erforderlich. Kleine und mittlere Unternehmen benötigen die Unterstützung der Jugendsozialarbeit, um diese Zielgruppen im Rahmen der beruflichen Ausbildung zu fördern. Sie verwies insbesondere auf die positiven Erfahrungen im Bereich des Projektes EQplus, das Jugendliche mit besonderen Anforderungen im Vorfeld der Dualen Ausbildung begleitet und ebenso auf die erfolgreiche Etablierung der „Ausbildungsketten“, die deutlich werden lassen, dass individuelle Herangehensweisen bei der Unterstützung im Übergangsmanagement Schule – Ausbildung- Beruf sehr bedeutungsvoll sind.

Bevor solche Ansätze hierzu betrachtet werden, sind im Vorfeld Begrifflichkeiten zu klären. Dies ist zwingend erforderlich, weil sich im Kontext Regionaler/ Kommunaler Bildungslandschaften unterschiedliche Akteursgruppen befinden – Jugendhilfe, Schule und ggf. Arbeitsverwaltung – die von diversen Interpretationen, Ansätzen und mit verschiedenen Aufträgen ausgestattet, sich dem spannenden Thema widmen. Dies erzeugt unweigerlich Konfliktpotentiale, die u.a. auch Verhinderungen befördern.

Prof. Dr. Wolfgang W. Weiß, Bildungsberatung Bremerhaven hat mit dem Titel – Regionale Bildungslandschaften – Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg? Worauf es ankommt…sowohl den theoretischen aber auch praktischen Diskurs eröffnet. Seine jahrelange Erfahrung als zuständiger Dezernent in einer Kommune und mittlerweile Berater für Kommunen, hat deutlich gezeigt, ohne fundierte Erkenntnisse über Bedarfe von Zielgruppen können keine Aufträge an die Entwicklungen von Bildungslandschaften gestellt werden. Eine rein institutionalisierte Etablierung von Akteursgruppen ist wenig sinnvoll und in der Regel nicht zielorientiert. Ohne ein abgestimmtes Grundverständnis (siehe hierzu Aachener Erklärung, Deutscher Städtetag 2007) über Erziehung, Bildung und Betreuung sowie ohne Beteiligung von Betroffenen und Akteuren werden fehlgeleitete Konzepte entwickelt. Für die Legitimation Regionaler/ Kommunaler Bildungslandschaften sind demnach fundierte Erkenntnisse, abgestimmte Vorgehensweisen und klare Aufträge für die Netzwerkarbeit erforderlich. Diese können auf Zeit begrenzt sein, sind prozessorientiert ausgerichtet und bedürfen kontinuierlicher Evaluation, um ihre Legitimation und Ausrichtung neu zu bestimmen. Regionale Bildungslandschaften/ Kommunale Bildungslandschaften zu entwickeln ist ein abgestimmtes planerisches, kommunikatives Instrument der Steuerung von Bedarfen. In städtischen Planungsräumen lassen sich diese Ansätze leichter implementieren.

Für die verstärkt praktische Umsetzung hat Herr Blauig-Schaaf mit seinem Input Bildungslandschaft gestalten - demografische Herausforderungen meistern am Beispiel der Modellkommune Dessau-Rosslau „Lernen vor Ort“. Neben der Erkenntnis, dass Bildungsprozesse in biografischen Zusammenhängen gesehen werden müssen und somit die Metapher des Lebenslangenlernens eine neue Bedeutung erfährt, muss konstatiert werden, dass die Entwicklung von Regionalen/ Kommunalen Bildungslandschaften im kommunalen Gemeinwesen gewollt sein muss. Dies erfordert in Verwaltungen ein Umdenken, da die im Verwaltungskanon einer Kommune oder eines Landkreises bestehenden Abteilungen unterschiedliche Verantwortlichkeiten haben, die teilweise isoliert agieren. Die folgerichtige Entscheidung ist: Planung als Verständnis einer ressortübergreifenden Arbeit zu werten und dafür einen übergeordneten Planungsstab einzurichten, der mit allen Behördenteilen verbunden ist. Beteiligungsverfahren, Anhörungen, direkter Kontakt zu Ausführenden, Bürgerinnen und Bürgern, Kindern und Jugendlichen ist ebenso erforderlich, wie abstrakte Datenaufnahme. Dieser Zusammenhang ist gerade in demografischen Veränderungsprozessen unentbehrlich, da Fehlplanungen nicht nur sehr teuer sein können und Ressourcenverschwendung bedeuten, sondern Politikverdrossenheit befördern.

In den anschließenden Tischforen wurden Erfahrungen zu unterschiedlichen Entwicklungen in verschiedenen Regionen ausgetauscht. Rechtskreisübergreifende Arbeitsansätze, wie sie auch mittlerweile von der Bundesebene erkannt (SGB VIII, SGB II, SGB III) und im Koalitionsvertrag gefordert werden, wurden beispielhaft von Frau Achatzi (Jugendamt Magdeburg) und Herrn Häntsche (IB Sachsen-Anhalt) vorgestellt. Maßnahmen nach dem SGB VIII zu entwickeln und diese mit Maßnahmen der Jobcenter zu kombinieren, bedarf eines hohen Abstimmungsbedarf und Überzeugungsarbeit bei allen Entscheidungsebenen. Zielgerichtete und erfolgreiche Hilfe ist nur möglich, wenn gezielt an der Bedarfslage der jungen Menschen angesetzt wird. Ohne Beteiligungsformen von jungen Menschen und Familien können Angebote nicht zielorientiert entwickelt werden. Herr Ollendorf (KinderStärken e.V. Stendal) hat dies im ländlichen Raum bei der Entwicklung von Bildungslandschaften in seinem Tischforum hervorgehoben. Niedrigschwellige Angebote sind nur dann sinnvoll, wenn die Menschen sie auch erreichen können. Ebenso müssen

Träger ihre Angebote konzeptionell so ausrichten, dass die Zielgruppen sie annehmen. Angebote, die reine Versorgungsmentalitäten der Träger bedienen, verlieren in der sozialen Landschaft ihre Legitimation. Angebote werden dann angenommen, wenn Motivationsfaktoren geweckt und Teilhabe verbessert werden kann. Kleinräumige Planungsansätze, wie sie von Herrn Reents (Kommunales Bildungsmonitoring Dessau- Rosslau) vorgestellt wurden, verdeutlichen die Notwendigkeit kleinräumiger Erhebungen,damit Politik Entscheidungen sachgerechter vornehmen kann. Erhobene Daten bedürfen der Interpretation von verschiedenen Akteuren und Politik muss in diesem Kontext lernen auch unangenehme Entscheidungen zu treffen. Weitere Erhebungen, verlängern das Entscheidungsprocedere, führen aber nicht zwangsläufig zu verbesserten oder neuen Erkenntnissen.

Politisch haben Herr Hans (Stadtratsfraktion LINKE Magdeburg) und Frau Prof. Dr. Dalbert, Fraktionsvorsitzende Bündnis90/ DIE GRÜNEN, die rechtskreisübergreifende Arbeitsansätze und Planungsszenarien als notwendige Erkenntnis für das kommunale bzw. regionale Gemeinwesen hervorgehoben. Ressortübergreifende Planung und Abstimmung bedarf der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern auf unterschiedlichen Ebenen und die Einbindung der Verwaltungen. Die demografischen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt sind aus Sicht der Politiker prädestiniert für Bildungslandschaften, die unter dem Aspekt der Beteiligung neue demokratischen Formen der Abstimmung und Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern darstellen. Doch müssen die Akteure aus der sozialen Arbeit anerkennen, dass Überzeugungsarbeit, z.B. im Parlament oder im Stadtrat geleistet werden muss, um die komplexen Sachverhalte verständlich und mit Überzeugung darbieten zu können. Dies bedarf einer Problembeschreibung und handlungsorientierten Darstellung, die erfolgsversprechend Politikerinnen und Politiker überzeugen kann. Insgesamt wird bei dem Thema sehr deutlich, dass der schulische Bildungsbereich eine dominierende Stellung einnimmt. Jugendhilfe wird im Kontext Regionaler/ Kommunaler Bildungslandschaften als „Erfüllungsgehilfe“ für problematische Entwicklungsverläufe im schulischen Bereich gesehen. Diese Sichtweise erschwert es der Jugendhilfe, als kontinuierliche Angebotskultur im Bereich der Bildungslandschaften wahrgenommen zu werden. Im Bereich der Etablierung von Schulsozialarbeit scheint dies zu gelingen, im Bereich der Außerschulischen Jugendarbeit wird dies so nicht zwangsläufig angenommen.

Insbesondere bei den Fragestellungen im Bereich der informellen und nonformalen Bildungsbereiche sowie des sozialen Lernens, die eigentlichen Kompetenzfelder der Jugendhilfe, bedarf es der klaren Herausarbeitung der Fähigkeiten, die in der Jugendhilfe bestehen. Insofern wird es nicht nur Überzeugungsarbeit sein, die verschiedene Akteure aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zusammenbringt, sondern die gegenseitige Anerkennung der Kernkompetenzen sowie die Erweiterung des Bildungsbegriffes bedürfen.

Siegfried Hutsch,

Referat Frühkindliche Bildung, Jugendhilfe im PARITÄTISCHEN Sachsen-Anhalt
Bundeskoordinator Jugendsozialarbeit
Magdeburg, den 21. November 2013

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