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14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung erschienen

Der 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung mit dem Titel: „Kinder- und Jugendhilfe in neuer Verantwortung“ hat den Anspruch, das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mit seinen wichtigsten Veränderungen und in seiner Vielfalt und Vielschichtigkeit darzustellen. Dabei verfolgt der Bericht zwei zentrale Fragen:

  1. Welche Institutionen übernehmen in Deutschland heute Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen?
  2. Wie verändert sich das Zusammenspiel der Familien mit dem Staat, mit der Zivilgesellschaft und den privat-gewerblichen Akteuren?

Die Zunahme „öffentlicher Verantwortung“ heißt nicht, dass Familie einen Bedeutungsverlust erlebt. Vielmehr stellt der Bericht die Vielfalt unterschiedlicher Aufgaben, Lebenswirklichkeiten und die Verpflichtung der Jugendhilfe zur Wahrnehmung der Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien in den Vordergrund und sieht hier eine Verschränkung der Aufgaben zwischen öffentlicher Jugendhilfe, zivilgesellschaftlichen Aufgaben von freien Trägern der Jugendhilfe und den Ansprüchen und Notwendigkeiten pluraler Lebenswelten.

Wesentliche Befunde für die Untermauerung der Veränderung von Verantwortlichkeiten sehen die Berichterstatter

a.)   beim Ausbau der Kindertageseinrichtungen

b.)   dem Ausbau von Ganztagsschulen

c.)   der Etablierung von Frühen Hilfen

Die Entwicklung dieser Angebotsstrukturen im öffentlichen Raum, die nicht zu verwechseln sind mit „staatlicher Verantwortung“, entstehen unter dem Einfluss der Zivilgesellschaft und ihrer Akteure. Hierzu zählen unter anderem die Wohlfahrtsverbände!  Sehr deutlich heben die Berichterstatter die familialen Wandlungsprozesse zur Übernahme von Verantwortung hervor und das damit verbundene Zusammenspiel der Beteiligung, Achtung und Beachtung der Lebenswelten von Kindern und Familien, der Ausrichtung von Angeboten nach dem Prinzip einer gemeinsamen Verantwortungsübernahme der Beteiligten. „Kindheit und Jugend spielen sich in einem System verschränkter Verantwortlichkeiten ab, das von mehreren Akteuren – öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten – beeinflusst wird.“ S. 25 Zusammenfassung.  

Das Aufgabenspektrum der Kinder- und Jugendhilfe bewegt sich zwischen „sozialer Teilhabe und Entwicklungschancen für alle jungen Menschen und Familien ermöglichen“ und „individuelle Hilfen in Gefährdungssituationen anbieten“. Eine bedeutende Rolle haben hierbei die Jugendämter, deren Aufgaben mehr denn je sozialpädagogische und sozialplanerische Aufgaben beinhalten. Zwischen der Entwicklung von „universellen“ (Angebote für alle vorhalten und anbieten)  und gezielten Angeboten (individuelle Hilfen für besondere Lebenslagen) sehen die Berichterstatter zum Teil eine erhebliche Überforderung der Jugendämter. Einerseits sind die Ausgaben im Bereich der Hilfen zur Erziehung durch die Zunahme prekärer Lebensverhältnisse gestiegen, andererseits ist unter dem Motto: „Bildung für alle“ der Ausbau von Ganztagsangeboten in der Frühkindlichen Bildung erforderlich. Dieses heterogene Aufgabenfeld hat nicht nur zu Kostenanstiegen geführt, sondern überfordert teilweise kommunale Haushalte. „Dort, wo Hilfe für Kinder und Jugendliche in Risikolagen besonders wichtig wäre, ist sie wegen der Finanznot dieser Kommunen besonders schwer zu finanzieren“. S. 39 Zusammenfassung

Während die Bildungsarbeit, insbesondere die Frühkindliche Bildung und der Zuwachs an individuellen Hilfen, insbesondere im Bereich der ambulanten und beratenden Hilfen zugenommen haben, wird die Kinder- und Jugendarbeit als temporärer Verlierer gesehen. In der Kinder- und Jugendarbeit sind seit 1998 ca. ein Drittel weniger Beschäftigte zu verzeichnen. Dennoch ist nach Aussage der Berichterstatter die Kinder- und Jugendhilfe eine Wachstumsbranche. In der Kinder- und Jugendhilfe sind vergleichsweise  so viele Fachkräfte (733 000) angestellt wie in der Automobilbranche (ca. 747 000). Die Kommission warnt auch vor der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, wie Freiberuflichkeit, Beschäftigung auf Honorarbasis, Leiharbeit und befristete Arbeitsverhältnisse, die im Zuge des allgemein feststellbaren Fachkräftebedarfs dazu beitragen, dass sich gut qualifizierte junge Menschen für andere Berufe entscheiden.

Die Neugestaltung des Aufwachsens beinhaltet eine Vielzahl von Anforderungsprofilen und Aufgaben, die der Kinder- und Jugendhilfe in diesem Kontext zugesprochen werden. Hier sind zu nennen:

  • „Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein Sachverwalter der Interessen junger Menschen; sie muss sich auf alle Kinder und Jugendlichen beziehen und – neben Familie und Schule – ein zentraler Ort umfassender Kompetenzentwicklung sein.“ S. 41 Zusammenfassung
  • Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ist eine aktive Gestaltungsaufgabe, mit verschiedenen Akteuren. Insbesondere kann Jugendhilfe nur erfolgreich sein, „wenn Eltern Sinn und Ziel eines Angebots als hilfreich, unterstützend und mit eigenen Wertsystemen übereinstimmend erleben, werden sie das Angebot nutzen und an der gemeinsamen Zielerreichung mitwirken.“.S. 41. Dieses Zitat zeigt umso mehr, dass eine behutsame Zusammenarbeit gegeben sein muss, um zwischen Kontrolle und Hilfestellung den Spannungsbogen herauszuarbeiten. Die zu leistenden Unterschriften bei ambulanten Hilfen in einigen Jugendamtsbezirken Sachsen-Anhalts sind an dieser Stelle als absolut kontraproduktiv zu werten.
  • Kinder – und Jugendhilfe muss ihre eigenen Leistungen beachten und weiterentwickeln, die Jugendämter stärken, als Agentur des Helfens, als Akteur im Sozialraum, aber insbesondere als Dienstleister für junge Menschen und Familien. Ebenso ist das Bildungsverständnis zu erweitern, „weil Bildung in der frühen Kindheit beginnt und sich in Schulzeit, Ausbildung und Berufseinstieg weiterentwickelt, ist es wichtig, dass alle beteiligten Akteure entlang des Lebenslaufs kooperieren.“ S. 42.

Insgesamt ist der 14. Kinder- und Jugendbericht ein umfangreiches Positionspapier (über 700 Seiten)  für die Kinder- und Jugendhilfe, welches die Wandlungsprozesse und Verschiebungen der Aufgaben darstellt, die Aspekte Bildung, soziale Teilhabe, Partizipation, Interessenvertretung und -wahrnehmung für Kinder und Jugendliche hervorhebt und auch einfordert. Der Kinder- und Jugendhilfe empfiehlt der Bericht, ihr eigenes Profil zu bewahren bzw. zu erarbeiten, wenn sie nicht im Strudel von Diversityansätzen und Multiprofessionalität verwässern möchte.

Bezogen auf die Entwicklungen und Diskussionen in Sachsen-Anhalt spiegeln die Debatten zu Bildungsfragen, siehe Bildungspapier des PARITÄTISCHEN Sachsen-Anhalt, der Novellierung des Kinderförderungsgesetzes – Beteiligung von Kindern und Eltern, gemeinsamer Verantwortung von Kindertagesstätten und öffentlicher Jugendhilfe, Bildung von Anfang an – sowie die neuen Entwicklungen im Bundeskinderschutzgesetz – Partizipation und Interessenvertretung von jungen Menschen ohne überzogenen Kinderschutz –  in der Tat die neuen Aufgaben einer Zunahme an öffentlicher Verantwortung mit zivilgesellschaftlichen Akteuren (freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe) wieder. Der 14. Kinder- und Jugendbericht macht deutlich, wie bedeutungsvoll die Kinder- und Jugendhilfe in den unterschiedlichen Gemeinwesen sein kann. Er zeigt aber auch, gerade an den Schnittstellen zum Bildungs- und Gesundheitswesen, wie die Kinder- und Jugendhilfe an Bedeutung verlieren kann, wenn sie nicht die Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien wahrnimmt und vertreten kann.


Für Rückfragen

Siegfried Hutsch

Referat Frühkindliche Bildung und Jugendhilfe
Tel. 0391/ 6293 335
Fax: 0391/ 6293 433
E-Mail: shutsch@paritaet-lsa.de