Home   Termine   Presse   Kontakt   Impressum
SUCHE

Auch in Zukunft gut beraten ?! – Modell der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege zur Neustrukturierung der Beratungslandschaft

Im November 2009 beauftragte der Landtag das Sozialministerium, die durch das Land geförderten unterschiedlichen Beratungsangebote hinsichtlich ihrer strukturellen und inhaltlichen Entwicklung zu analysieren. Dabei sollten die veränderte Beratungsbedarfe der Bevölkerung, die Art und Anzahl der Beratungsstellen einer Region und mögliche Synergien zwischen Beratungsangeboten bzw. Trägern geprüft werden. In einen solchen Prozess sollten die Träger der Beratungsstellen, die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege und die kommunalen Spitzenverbände einbezogen werden. Eine Projektgruppe mit den unterschiedlichen Beteiligten nahm dann unter Leitung des Sozialministeriums im Juli 2010 ihre Arbeit auf. Recht schnell wurde deutlich, dass es sich hierbei um eine „Mammutaufgabe“ handelte, da es eine Vielzahl von Beratungsangeboten für unterschiedliche Zielgruppen gibt. Diese reichen von der Schwangerenberatung über Erziehungs- und Lebensberatung bis zur Beratung von Schuldnern, Suchtkranken, Opfer sexueller Gewalt und anderer Hilfesuchender. Personelle Ausstattung, methodische Ansätze oder therapeutisches Angebote sind dementsprechend verschieden. Eine Vergleichbarkeit ist daher kaum möglich.

Es ist aber gelungen, eine umfassende Bestandsaufnahme zu machen und mögliche Entwicklungstendenzen aufzuzeigen.

Dabei wurden übereinstimmend wesentliche Erkenntnisse gewonnen:

  • der einschneidende demografische Wandel bedeutete veränderte Beratungsbedarfe der Zielgruppen hinsichtlich der Probleme und Altersspezifik
  • Menschen mit Multiproblemlagen nehmen zu und haben umfassenden Beratungs-und Begleitungsbedarf
  • Bedarfe und deren Entwicklung werden unterschiedlich eingeschätzt, eine wissenschaftliche Bedarfsfeststellung und Prozessbegleitung war nicht möglich
  • es kann kein einheitliches institutionelles Beratungsmodell geben, das auf alle Regionen übertragbar ist – wichtig ist Sozialraumorientierung         

Der Abschlussbericht, der im September 2011vorgelegt wurde, gibt daher auch die unterschiedlichen Positionen und Empfehlungen der Beteiligten wieder- aber auch gemeinsame Einschätzungen z.B. die Beschreibung zur Situation von „Multiproblemfamilien“. Beispielhaft zu nennen ist eine junge Familie mit 3 Kindern, deren Vater langzeitarbeitslos ist und die Mutter ohne Berufsabschluss. Beide sind mit der Erziehung der Kinder überfordert, Schulden- und Suchtprobleme belasten das Familienleben.

Seitens der LIGA wird der Ansatz der „Integrierten psychosozialen Beratung“ favorisiert. Das Sozialministerium verfolgt konsequent die Zielrichtung, die anteiligen Mittel für die Beratungsangebote zukünftig über das Finanzausgleichsgesetz direkt an die Kommunen auszureichen. Die Kommunalen Spitzenverbände haben das Modell der „Allgemeinen sozialen Beratung“ als ersten Zugang für Ratsuchende beschrieben.

Für die Abgeordneten des Landtages ist das Ergebnis des Berichtes sicher unbefriedigend  - können daraus doch keine direkten Empfehlungen für die zukünftige Mitfinanzierung von Beratungsangeboten durch das Land abgeleitet werden. Auch das vielleicht erwartete einheitlich Konzept für Beratungsstellen und eine landesweite Planung konnten durch die Projektgruppe nicht vorgelegt werden.

Die LIGA hat daher die Erkenntnisse des Berichtes zum Anlass genommen, einen eigenen Vorschlag zur Weiterentwicklung bedarfsorientierter Beratungsangebote zu erarbeiten. Es gibt derzeit im Land, wie bereits oben beschrieben, eine große Bandbreite qualifizierter und spezialisierter Beratungsangebote für verschiedenste Zielgruppen. Angesichts der zunehmenden komplexen Problemlagen der Menschen, wird ein abgestimmtes und verbindlicheres  Zusammenwirken der Beratungsstellen dringend erforderlich. 

Die Herausforderungen der Zukunft für Beratungsstellen lauten:

  • Differenzierte Lebensphasen im Alter (Paare, Alleinlebende in Lebenskrisen)
  • Konflikte innerhalb der Generationen (häusliche Pflege, übertragene Erziehungsverantwortung, Familie als Gesamtsystem)
  • Wandel der Familienformen, instabile Partnerschaften
  • Multiproblemfamilien, prekäre Lebensphasen z.B. Trennungen, Arbeitslosigkeit, Verlust des Partners
  • Chronisch Kranke im Bereich psychosomatischer und psychischer Erkrankungen
  • Umsetzung des Bundeskinderschutzgesetzes z.B. erweiterter Beratungsanspruch für Eltern , Erzieher und Lehrer, Frühe Hilfen
  • Zusammenarbeit mit Gerichten z.B. im Rahmen des begleiteten Umgangs        

Wie kann es zukünftig gelingen, Hilfesuchende ganzheitlicher zu beraten und die Probleme umfassender anzugehen? Wie kann verhindert werden, dass die Menschen von einer Stelle zur anderen geschickt werden und immer wieder von neuem ihre Probleme vortragen müssen? Auf welchen Wegen kann Beratung auch in ländlichen Gebieten verlässlich gesichert werden? Wie können Abbrüche von Beratungsprozessen vermieden werden?  

Aus Sicht der LIGA ist das Modell der Integrierten psychosozialen Beratung ein geeigneter und wirkungseffizienter Ansatz. Er wird bereits von vielen Stellen in Ansätzen  praktiziert. Ein konsequentes Zusammenwirken der verschiedenen Beratungsfachkräfte – auch trägerübergreifend- im Rahmen eines multiprofessionellen Teams und mit entsprechender „Fall-Führung“ ist jedoch noch nicht etabliert. Trägerinteressen, fehlende  Flexibilität und ein „Festhalten am Klienten“ haben bis dato verhindert, dass Vernetzung tatsächlich verbindlich erfolgt. Dazu braucht es klare Verabredungen und vereinbarte Abläufe, die (unter Wahrung des Datenschutzes) dokumentiert und evaluiert werden.

Integrierte psychosoziale Beratung bedeutet:

  • niedrigschwelliger Zugang
  • Klärung des individuellen Bedarfes, rechtskreisübergreifend
  • Wahrung der Anonymität
  • direkte weiterführende passgenaue Hilfe
  • multiprofessionelle Fallbearbeitung
  • ganzheitliche Beratung

Um diesen Ansatz landesweit und trägerübergreifend umzusetzen, hat die LIGA den Abschluss einer landesweiten „Rahmenvereinbarung Beratung“ vorgeschlagen. Diese Vereinbarung würde ein zuverlässiges, plurales und qualitativ gleichwertiges System von Beratungsangeboten sichern: Erziehungs-und Familienberatung, Schwangerenberatung, Sucht- und Insolvenz/Schuldnerberatung würden im Sinne eines „Baukastensystems“ durch das verbindende Element der „Integrierten psychosozialen Beratung“ zusammenwirken. 

Die unmittelbare Ausgestaltung vor Ort kann unterschiedlich sein und muss den sozialräumlichen Gegebenheiten entsprechen. Damit greift das Modell nicht in die kommunale Selbstverwaltung ein, sondern unterstützt regionale Planungs- und Steuerungsprozesse. Möglich sind Beratungszentren- auch trägerübergreifend- aber auch verbindliche Netzwerke. Es ergeben sich somit deutliche Vorteile und Synergien für alle Beteiligten z.B. durch gemeinsame Raumnutzung, Sicherung der Erreichbarkeit und Vertretung im Krankheits-und Urlaubsfall.

Auf der politischen Ebene ist dieser Vorschlag auf großes Interesse gestoßen. Dem besonderen Landesinteresse zur Stärkung der Familie als Gesamtsystem würde entsprochen werden und ein Einfluss auf die Gestaltung einer Beratungslandschaft, die eine gleichwertige Versorgung sichert. Die LIGA wird gleichzeitig Empfehlungen für die regionale Ausgestaltung bedarfsgerechter Beratungsangebote erarbeiten und diese mit den Kommunen diskutieren- ein spannender und vielschichtiger Prozess zur Weiterentwicklung  der Beratungslandschaft.       

Der Bericht des Ministeriums kann im Fachreferat abgefordert werden.


Rückfragen an:

Antje Ludwig

Referentin Vorstand/Geschäftsführung
aludwig@paritaet-lsa.de

Tel.: 0391-62 93 505